Ein Rundgang in acht Kapiteln

Wissenschaft ist keine Meinung. Sie ist ein Verfahren, Irrtümer zu finden.

In acht Schritten zeigt diese Seite, was Forschung leistet, was es kostet, wenn ihre Befunde unbeachtet bleiben, und weshalb das letzte Kapitel überraschen könnte.

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Kapitel 1 · Die Ausgangslage

Die meisten Menschen vertrauen der Wissenschaft.

71.922
Befragte · 68 Länder [1]
54 %
Vertrauen in Wissenschaft und Forschung in Deutschland 2025 [2]
70 %
wünschen sich, dass Forschende eingreifen, wenn Fakten falsch dargestellt werden [2]
ca. 25 %
fühlen sich über Neues aus der Forschung gut informiert [2]

Eine vorab registrierte Umfrage unter 71.922 Personen in 68 Ländern kommt zu dem Ergebnis, dass in den meisten Ländern die Mehrheit der Befragten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vertraut. Zugleich befürwortet sie, dass diese sich stärker in Gesellschaft und Politikgestaltung einbringen [1].

Für Deutschland weist das Wissenschaftsbarometer 2025 ein Vertrauen von 54 Prozent aus, ein Wert, der sich auf dem Niveau der Vorjahre bewegt. 70 Prozent der Befragten wünschen sich ein aktives Einbringen von Forschenden, wenn Fakten falsch dargestellt werden. Nur etwa jede vierte Person fühlt sich jedoch gut über wissenschaftliche Neuigkeiten informiert [2].

Vertrauen ist demnach vorhanden. Weniger verbreitet ist das Wissen darüber, wie Wissenschaft arbeitet und was sie konkret bewirkt.

Erhebung 2025: 2.011 Online-Interviews, 4. bis 18. Juli 2025 [2].

Kapitel 2 · Die Methode

Wissenschaft gilt nicht deshalb als belastbar, weil Fachleute sie betreiben, sondern weil sie überprüfbar ist.

Ein aktuelles Beispiel liefert eine Studie zu den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels, die 2024 in der Fachzeitschrift Nature erschien. Später wurden Ungenauigkeiten in den Wirtschaftsdaten eines einzelnen Landes, Usbekistan, für die Jahre 1995 bis 1999 festgestellt, auf die die Ergebnisse empfindlich reagierten. Die Autoren zogen die Arbeit im Dezember 2025 zurück, weil die sich daraus ergebenden Änderungen für eine bloße Korrektur zu substanziell waren. Eine überarbeitete Fassung soll erneut begutachtet werden [14].

Dieser Vorgang schwächt die Wissenschaft nicht, sondern zeigt ihre Arbeitsweise. Fehler werden benannt, Daten und Programmcode sind einsehbar, Ergebnisse werden angepasst. Verlässlich ist daher weniger das einzelne Ergebnis als das Verfahren, das seine Revision vorsieht.

Auch die Vorhersagekraft wissenschaftlicher Modelle lässt sich prüfen. Eine Auswertung von Klimamodellen, die über fünf Jahrzehnte hinweg veröffentlicht wurden, ergab, dass die meisten die anschließende Veränderung der globalen Mitteltemperatur zutreffend beschrieben, insbesondere wenn Abweichungen zwischen angenommenen und tatsächlichen Antrieben berücksichtigt wurden [12].

HypothesePrüfungVeröffentlichungKritikKorrektur

Kapitel 3 · Die Bilanz

Was Wissenschaft bewirkt hat

Pocken

1977 trat in Somalia der letzte bekannte natürlich erworbene Pockenfall auf. 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Krankheit für ausgerottet. Sie gilt nach Angaben der WHO bislang als einzige Infektionskrankheit des Menschen, für die dies gelang [6].

1977
letzter bekannter natürlicher Fall [6]
1980
für ausgerottet erklärt [6]

Ozonschicht

Das Montreal-Protokoll von 1987 stützt sich auf wissenschaftliche Bewertungen, die im Vierjahresrhythmus vorgelegt werden. Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie wurden über 99 Prozent der Produktion und des Verbrauchs geregelter ozonschädigender Stoffe beendet. Bei fortgesetzter Umsetzung wird erwartet, dass die Gesamtozonsäule um 2040 im nahezu globalen Mittel, um 2045 über der Arktis und um 2066 über der Antarktis wieder Werte von 1980 erreicht. Die Einhaltung der Kigali-Änderung könnte zudem eine Erwärmung von 0,3 bis 0,5 °C bis 2100 vermeiden [5].

> 99 % Produktion und Verbrauch geregelter ozonschädigender Stoffe beendet
1980200020202040206020702040nahezu global2045Arktis2066Antarktis
Erholung ca. 2040 / 2045 / 2066: Rückkehr der Gesamtozonsäule auf Werte von 1980 bei fortgesetzter Umsetzung [5]

Impfprogramme

Für das erste Jahr der COVID-19-Impfprogramme (8. Dezember 2020 bis 8. Dezember 2021) schätzt eine Modellstudie für 185 Länder und Gebiete, dass 19,8 Millionen Todesfälle verhindert wurden. Grundlage ist die Übersterblichkeit, was einer Verringerung von 31,4 auf 11,6 Millionen Todesfälle entspricht, also um 63 Prozent. Bezogen auf gemeldete COVID-19-Todesfälle beträgt die Schätzung 14,4 Millionen [4]. Es handelt sich um modellbasierte Schätzungen im Vergleich zu einem Szenario ohne Impfung.

Die genutzten mRNA-Impfstoffe beruhen auf Arbeiten zu Nukleosidmodifikationen, die 2023 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet wurden [3].

19,8 Millionen
geschätzte verhinderte Todesfälle im ersten Impfjahr (95-%-Intervall 19,1 bis 20,4 Mio.) [4]
31,4 Mio. ohne Impfung19,8 Mio. verhindert11,6 Mio.mit Impfung
Modellbasierte Schätzung im Vergleich zu einem Szenario ohne Impfung [4]

Kapitel 4 · Die Rechnung

Ergebnisse unbeachtet zu lassen, verursacht ebenfalls Kosten.

145 Milliarden Euro
erfasste extremwetterbedingte Schäden in Deutschland 2000 bis 2021 [10]
80 Milliarden Euro
davon seit 2018 [10]
280 bis 900 Milliarden Euro
kumulierte Schäden bis 2050, je nach Klimaszenario [10]

Für Deutschland beziffert eine im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellte Studie die erfassten extremwetterbedingten Schäden der Jahre 2000 bis 2021 auf mindestens 145 Milliarden Euro, davon 80 Milliarden Euro seit 2018. Für den Zeitraum bis 2050 rechnen die Autorinnen und Autoren je nach Ausmaß des Klimawandels mit kumulierten volkswirtschaftlichen Schäden von 280 bis 900 Milliarden Euro [10].

Nach den Szenarioberechnungen könnten Investitionen in Anpassungsmaßnahmen die möglichen Schäden bei schwachem Klimawandel vollständig, bei mittlerem um 80 Prozent und bei starkem um 60 Prozent verringern [10]. Es handelt sich um modellbasierte Szenarien, nicht um Prognosen im engeren Sinne.

Kapitel 5 · Die Schnittstelle

Wissenschaft liefert Befunde. Politik trifft Entscheidungen.

Eine Übersichtsarbeit auf Grundlage von 13 systematischen Reviews kommt zu dem Ergebnis, dass der rechtzeitige Zugang zu hochwertiger und relevanter Evidenz sowie Zusammenarbeit und Vertrauensbildung zwischen Forschenden und politischen Entscheidungsträgern die Nutzung von Evidenz am stärksten beeinflussen. Die wesentlichen Hindernisse und Förderfaktoren waren gegenüber einer früheren Übersicht unverändert [11]. Die Untersuchungen stammen überwiegend aus dem Gesundheitsbereich.

Wissenschaftliche Beratung ersetzt politische Entscheidungen nicht. Die Leopoldina nennt als Grundsätze ihrer Beratung, dass bestehende Unsicherheiten und abweichende wissenschaftliche Auffassungen offengelegt und dass die den Empfehlungen zugrunde liegenden Ziele und Wertvorstellungen benannt werden [13]. Die Entscheidung selbst liegt bei der demokratisch legitimierten Legislative und Exekutive [13].

Wissenschaft beantwortet

  • Was ist der Fall?
  • Wie sicher ist der Befund?
  • Welche Optionen gibt es?

Politik entscheidet

  • Welche Ziele gelten?
  • Welche Abwägung ist vertretbar?
  • Wer trägt welche Kosten?

Darstellung angelehnt an [13].

Kapitel 6 · Einwände

Einwände

„Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler irren sich doch ständig.“

Irrtümer kommen vor, entscheidend ist der Umgang mit ihnen. Wissenschaftliche Verfahren sehen Prüfung, Kritik und Rücknahme ausdrücklich vor, wie das Beispiel der zurückgezogenen Klimastudie zeigt [14]. Zugleich haben sich frühere Klimamodelle bei der Beschreibung der globalen Erwärmung überwiegend bewährt [12].

„Wissenschaft will der Politik vorschreiben, was sie tun soll.“

Nach den Grundsätzen der Leopoldina legt wissenschaftliche Beratung Unsicherheiten und zugrunde liegende Wertvorstellungen offen, die Entscheidung obliegt der demokratisch legitimierten Politik [13].

„Modelle sind nur Rechenspiele.“

Modelle sind vereinfachte Abbildungen und werden entsprechend geprüft. Studien wie die zu den Impfprogrammen weisen Unsicherheitsintervalle aus und benennen den Modellcharakter ausdrücklich [4]. Ältere Klimamodelle wurden im Nachhinein mit Beobachtungen verglichen [12].

„Forschung kostet nur Geld.“

Die vorliegende Evidenz deutet auf einen erheblichen ökonomischen Nutzen hin, etwa für die USA [9], und darauf, dass unterlassenes Handeln bei Klimafolgen hohe Kosten verursacht [10]. Beide Befunde sind mit den genannten Einschränkungen zu lesen (Arbeitspapier, Szenarioberechnung).

Kapitel 7 · Was übrig bleibt, wenn man Wissenschaft abzieht

Und was, wenn der Nutzen oft erst später sichtbar wird?

Diese Seite erreichte Sie über ein Netz, das für den Austausch unter Forschenden entwickelt wurde. Drei Beispiele zeigen, wie weit Anwendungen von ihrem Ursprung entfernt sein können:

  1. Schritt 1 · Schicht „Webseite“ verschwindet

    Das World Wide Web entstand 1989 am CERN aus dem Wunsch, Informationen zwischen Forschenden weltweit automatisiert austauschen zu können. Am 30. April 1993 stellte das CERN die Software gemeinfrei zur Verfügung [8].

  2. Schritt 2 · Schicht „Standort“ verschwindet

    Die Atomuhren im Satellitennavigationssystem GPS weisen Frequenzverschiebungen auf, die so groß sind, dass das System ohne sorgfältige Berücksichtigung zahlreicher relativistischer Effekte nicht funktionieren würde [7].

  3. Schritt 3 · Schicht „Impfschutz“ verschwindet

    Zur mRNA-Forschung, die später zu Impfstoffen führte, äußerte sich Drew Weissman im Jahr 2023 sinngemäß so: Es sei weder gelungen, Förderung zu erhalten, noch Veröffentlichungen unterzubringen, noch Interesse an RNA zu wecken [15]. Für die zugrunde liegenden Entdeckungen wurde 2023 der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin vergeben [3].

    “We couldn't get funding; we couldn't get publications; we couldn't get people to recognize RNA as something interesting”

    Drew Weissman, 2023 [15]
  4. Auflösung

    Der Nutzen von Grundlagenforschung lässt sich im Voraus selten beziffern. Die genannten Beispiele zeigen, dass er im Rückblick erheblich sein kann. Verlässliche, ergebnisoffene Förderung ist deshalb eine politische Entscheidung, für die es empirische Argumente gibt [9].

  5. Für die Wissenschaft heißt: für eine Zukunft, deren Anwendungen wir noch nicht kennen.

Kapitel 8 · Was jetzt?

Was sich mit diesem Wissen tun lässt

Schritt 1

Prüfen

Quellen ansehen. Auf der Quellenseite ist zu jeder Aussage angegeben, woher sie stammt und wie belastbar die Quelle ist.

Schritt 2

Nachfragen

Bei politischen Vorschlägen nach der zugrunde liegenden Evidenz und ihrer Sicherheit fragen (siehe Checkliste in Kapitel 5).

Schritt 3

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Zu den Quellen